Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Alice und Ellen Kessler, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Kessler-Zwillinge
18.11.2025 um 11:14 Uhr von RedaktionAlice und Ellen Kessler, bürgerlich Kaessler geb. 20. August 1936 in Nerchau; gest. 17. November 2025 in Grünwald, waren als Kessler-Zwillinge bekannt und arbeiteten gemeinsam als Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Entertainerinnen. Außer in Deutschland traten sie insbesondere in Italien, Frankreich und den USA auf.
Künstlerische Laufbahn
Anfänge
Die Eltern der eineiigen Zwillinge, der Maschinenbauingenieur Paul Kaessler und seine Frau Elsa – beide musisch interessiert –, förderten die Mädchen früh und schickten sie als Sechsjährige zum klassischen Ballettunterricht. Ihre Kindheit verbrachten sie in Taucha bei Leipzig, besuchten dort die Schule und wohnten in der Bölkestraße 30, der heutigen Manteuffelstraße. 1947 nahm das Kinderballett der Oper Leipzig die Schwestern auf, 1950 bestanden sie die Aufnahmeprüfung der angeschlossenen Operntanzschule mit Auszeichnung. 1952 nutzten sie ein Besuchervisum zur Flucht aus der DDR in die BRD, wo bereits ihr Vater in Düsseldorf lebte.
In Düsseldorf im damaligen Revuetheater Palladium an der Ecke Hüttenstraße/Graf-Adolf-Straße erhielten die Kessler-Zwillinge im selben Jahr ihr erstes Engagement als Tänzerinnen. Hier sah sie 1955 der Direktor des Pariser Lido, Pierre-Louis Guérin, und verpflichtete sie an das weltberühmte Varieté auf den Pariser Champs-Élysées. Im Lido feierten sie große Erfolge, wie sie später nur noch von einer anderen Deutschen, Marlène Charell, erreicht wurden. 1960 gingen die Kesslers nach Italien, wo sie als erste Frauen im Fernsehen „Bein zeigten“ auch wenn sie dabei noch blickdichte Strumpfhosen tragen mussten. In Frankreich änderten sie die Schreibung ihres Familiennamens von Kaessler in Kessler.
Film und Ballett in Deutschland
Die Filmkarriere der Kessler-Zwillinge begann 1955. Ihre erste gemeinsame Rolle erhielten sie in der Komödie Solang’ es hübsche Mädchen gibt. Weitere Filme folgten, darunter Vier Mädels aus der Wachau 1957, zusammen mit Isa Günther und Jutta Günther, Der Graf von Luxemburg 1957 und Die Tote von Beverly Hills 1964. Auch an Filmproduktionen in Italien und Frankreich wirkten sie mit.
Daneben traten die Kessler-Zwillinge in zahlreichen Fernsehshows im In- und Ausland auf. Zu den Höhepunkten gehörten die Perry Como Show 1963 und die Rolf Harris Show 1967 und 1971. Mit zunehmendem Alter verlagerten sie ihre Aktivitäten auf anspruchsvollere Engagements. 1976 traten sie am Münchner Gärtnerplatztheater als „Anna I“ und „Anna II“ in dem Ballett Die sieben Todsünden der Kleinbürger von Bertolt Brecht und Kurt Weill auf. Damit konnte die Idee verwirklicht werden, ein persönlichkeitsgespaltenes Mädchen von zwei nahezu gleich aussehenden Darstellerinnen spielen zu lassen.
Schallplattenkarriere
Ende der 1950er Jahre begann die Schallplattenindustrie, sich für die Zwillinge zu interessieren. 1958 nahm Telefunken die erste Single mit den Kessler-Zwillingen auf, die jedoch wenig beachtet wurde. 1959 nahm auf Betreiben des Musikproduzenten Gerhard Mendelson die größte deutsche Plattenfirma, Polydor, das Duo unter Vertrag und brachte bis 1963 zwölf Duettsingles und sechs Platten, die sie zusammen mit Peter Kraus als das Trio Alice, Ellen und Peter besangen, heraus. Während die Duettplatten weiterhin erfolglos blieben, erreichten drei Titel mit Peter Kraus die Top 50 der deutschen Hitlisten; ihr Song Honey Moon erreichte 1960 mit Platz 15 die beste Platzierung. Für Deutschland nahmen die Kesslers am Grand Prix Eurovision 1959 teil und erreichten mit dem Lied Heute Abend wollen wir tanzen geh’n den achten von elf Plätzen. Der Titel wurde in Deutschland nicht als Singleschallplatte veröffentlicht, sondern auf einer EP in Dänemark.
Neben den deutschen Produktionen nahmen die Kessler-Zwillinge auch Schallplatten in französischer und italienischer Sprache auf. In Italien waren sie insbesondere mit ihrem Song Da-da-um-pa erfolgreich, dessen italienischsprachige Version zur Titelmelodie der RAI-Fernsehserie Studio Uno wurde. Im Zusammenhang mit ihren Schallplattenproduktionen verlegten die Kessler-Zwillinge 1961 ihren Wohnsitz für kurze Zeit von Paris nach München. Nach ihrer Single Schotten-Twist / Ja, ja die Liebe endete 1963 ihre Schallplattenkarriere in Deutschland, in Italien dauerte sie bis in die 1980er Jahre fort.
Weiterer Werdegang
Alice und Ellen Kessler bei einem Wohltätigkeitsball 1976
Im Alter von 40 Jahren ließen sich die Kessler-Zwillinge für die italienische Ausgabe des Playboy ablichten. Die Ausgabe war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. In Italien, wo sie von 1962 bis 1986 ihren festen Wohnsitz hatten, galten sie „Le gemelle Kessler“ lange Zeit als Ikonen des Unterhaltungsfernsehens, und auch in den USA waren sie weiterhin gefragt. Viele bekannte Hollywood-Persönlichkeiten zeigten sich gern an der Seite der „deutschen Mädchen“, etwa Frank Sinatra, Burt Lancaster und Elvis Presley.
Noch 2009 traten die Kessler-Zwillinge mit Bill Ramsey, Max Greger und Hugo Strasser auf, die zusammen mit der SWR Big Band die „Swing-Legenden“ bildeten. Im Jahr 2011 wirkten sie in Das Dorf, einer Folge der ARD-Fernsehreihe Tatort, mit.
2015 teilten sie sich eine Hauptrolle in dem Musical Ich war noch niemals in New York von Udo Jürgens im Stage Theater des Westens in Berlin. „Eine besondere Aufgabe“, bemerkte diesbezüglich die Leipziger Volkszeitung, denn sie standen dabei nie gemeinsam auf der Bühne. „Es ist erst der zweite getrennte Auftritt der sonst unzertrennlichen Show-Zwillinge.“
Auszeichnungen
Alice und Ellen Kessler wurden unter anderem mit der Goldenen Rose von Montreux und dem Bundesverdienstkreuz am Bande 1987 ausgezeichnet. Für ihre Verdienste um die deutsch-italienische Verständigung erhielten sie den Premio Capo Circe. Ihr Geburtsort Nerchau zeichnete sie anlässlich ihres 70. Geburtstages 2006 mit der Ehrenbürgerschaft aus. 2025 wurde ihnen der Bayerische Verdienstorden verliehen.
Zu literarischen Ehren kamen sie im Theaterstück Der Ritt über den Bodensee 1971 von Peter Handke, dort erscheinen „Alice und Ellen Kessler“ als Figuren der Handlung.
Privatleben
Alice und Ellen Kessler schilderten, dass ihre Kindheit nicht unbeschwert gewesen sei. Ihre beiden älteren Brüder starben im Kindesalter an Gelbsucht und Typhus. Der Vater habe eine Geliebte gehabt, sei Alkoholiker gewesen und habe zu häuslicher Gewalt geneigt.
Ellen Kessler lebte zeitweise in der Altstadt von Rom, während Alice Kessler eine Wohnung in Kitzbühel unterhielt. Gemeinsam zogen sie später in das Reihenhaus ihrer verstorbenen Mutter in Grünwald, das sie dieser 1967 gekauft hatten. Ab 1987 lebten die Kesslers in einem gemeinsamen Haus im Prominentenviertel Geiselgasteig in Grünwald im Landkreis München.
Ellen Kessler war von den 1960er- bis in die 1980er-Jahre mit dem italienischen Schauspieler Umberto Orsini liiert. Alice Kessler war in derselben Zeit mit dem französischen Sänger Marcel Amont verbunden und führte eine vierjährige Beziehung mit dem italienischen Regisseur und Schauspieler Enrico Maria Salerno. Alice und Ellen Kessler blieben beide unverheiratet und hatten keine Kinder.
Am 17. November 2025 starben die Kessler-Zwillinge gemeinsam im Alter von 89 Jahren in Grünwald durch assistierten Suizid in Begleitung einer Ärztin und eines Juristen der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben.
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